17. September - Bei Übung bis an die Grenzen gegangen

Foto: SchülerFEUERWEHR Wattenmeer erwies sich als extrem gefährlich

NORDDEICH/MARI – Extrem schwierig gestaltete sich am Sonnabend eine Großübung der Gefahrgutzüge aus allen ostfriesischen Landkreisen und der Stadt Emden im Norddeicher Watt, bei dem rund 130 Feuerwehrleute, das Rote Kreuz und das THW im Einsatz waren. Das Szenario sah vor, dass 15 Giftfässer mit Schwefelsäure von einem Containerschiff angespült worden waren und geborgen werden mussten. Beinahe noch gefährlicher als die vermeintlichen Giftfässer erwies sich das Watt. Die Feuerwehrleute sanken in ihren Chemieschutzanzügen tief in den Schlick ein. Ein Feuerwehrmann aus Emden ging bei dem Einsatz im Watt bis an die Grenze zur völligen Erschöpfung und geriet nach wiederholtem Feststecken im Schlick in Panik. Er wurde eiligst geborgen.

Wenn aus einer Übung plötzlich ein Ernstfall wird

GROßÜBUNG Einsatzleiter Stefan Kleen: „Dass es so schwierig werden würde, hätten wir nicht gedacht“ / Bergung von Gefahrgut
Es gab kaum ein Vorwärtskommen, weil der Schlick die Männer, die bald bis zu den Knien im Schlamm steckten, förmlich einzog.

NORDDEICH/MARI – Weit schwieriger als gedacht gestaltete sich am Sonnabend die Großübung, die die ostfriesischen Gefahrgutzüge der Feuerwehren aus den Landkreisen Aurich,Wittmund, Leer sowie der Stadt Emden in Norddeich abhielten. Die Kameraden trafen auf einen Gegner, der ihnen bis zur völligen Erschöpfung alles abverlangte: das Watt. Im Mittelpunkt der Übung sollten eigentlich Giftfässer stehen, die von den Gefahrgutzügengeborgen werden sollten. Einsatzleiter Stefan Kleen von der Feuerwehr Norden hat sich gemeinsam mit seinem Kameraden Wilfried Eilers das Szenario ausgedacht. Ein Frachter hatte vor Texel Container verloren, die aufgebrochen waren undihren Inhalt – rund 200 Kilo schwere Fässer – an die Nordsee abgaben. 15 dieser Fässer wurden im Norddeicher Watt in Höhe des Campingplatzes angespült und von einem Jogger entdeckt. Die Feuerwehr Norden war am frühen Morgen um kurz nach sechs Uhr als erste amEinsatzort. Doch die Norder Blauröcke waren vorsichtig, weil nicht klar war, was sich in den Fässern befand. Die Etiketten hatten sich durch die Liegezeit im Wasser abgelöst. Aufklärung brachte die Wasserschutzpolizei, die ermittelte,dass 51-prozentige Schwefelsäure in den Fässern transportiert wurde.

Der Bergungseinsatz überstieg die Kapazitäten der Norder Feuerwehr. Die Spezialisten,Gefahrgut- und ABC-Züge aus allen ostfriesischen Landkreisen,wurden angefordert. Die Norder sperrten den betroffenen Wattbereich weiträumig ab. Alles nahm zunächst seinen geplanten Gang. Der Messwagen war vor Ort und nahm seine Arbeit auf. Die Dekontaminationszelte waren schnell aufgebaut. Auch das Rote Kreuz und das THW waren zum Einsatz bereit. Die für die Bergung von Gefahrgut besonders ausgebildeten Feuerwehrleute aus Wittmund, Emden, Leer und Aurich legten ihre Chemieschutzanzüge an.
Der erste Bergungstrupp begab sich über eine Rampe ins Watt. Nur wenige Meter von der Wattkante entfernt lag das erste Fass. Doch kaum hatten die beiden Feuerwehrleute den Fuß ins Watt gesetzt, sanken sie im weichen Untergrund ein. Es gab kaum ein Vorwärtskommen, weil der Schlick die Männer, die bald bis zu den Knien im Schlamm stecken, förmlich einzog.

Die Einsatzzeit für die Bergungstrupps in ihren Chemieschutzanzügen ist aus verschiedenen Gründen auf 25 bis 30 Minuten begrenzt. Der Atemluftvorrat reicht für rund 45 Minuten. Und der Einsatz ist extrem anstrengend. „Die Leute schleppen unter ihren Anzügen zwischen 25 und 30 Kilo Ausrüstung mit sich herum“, erläuterte Horst Julius, Leiter des Gefahrgutzuges des Landkreises Wittmund. „Und es wird heiß unter dem Anzug. Schnell sind 50 bis 60 Grad erreicht.“

Da sich die Männer im Schlick kaum bewegen konnten, wurden Planken ausgelegt, die als Steg dienen sollen. Auch Partytische kommen dabei zum Einsatz. Auf Knien bewegten sich die Feuerwehrleute langsam und vorsichtig vorwärts. Doch das Problem, wie die Giftfässer an Land zu holen sind, war damit noch nicht gelöst. Die Mitglieder des Norder THW kamen auf die Idee, eine Art Schlickschlitten zu bauen. Da es an Holz mangelte wurde eine Aluwanne, die normalerweise der Personenbergung dient, kurzerhand umfunktioniert. Dass dieses Gerät später auch seinem ursprünglichen Zweck dienen musste, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Die eingesetzten Hilfsmittel zeigten zunächst Erfolg. Das erste Giftfass wurde auf den Schlickschlitten gepackt und an Land gezogen.

Doch dann wurde aus der Übung ein Ernstfall. Die beiden Männer, die in den Schutzanzügen und unter Atemschutz arbeiteten, sanken immer wieder tief im Schlick ein. Neben der völligen Erschöpfung machte sich bei einem der beiden Feuerwehrleute aus Emden Panik breit. Er signalisierte mit den Armen, dass er herausgeholt werden musste. Die Einsatzkräfte an Land erkannten den Ernst der Lage. Schnell waren die Kameraden zur Stelle, mussten ein Mitglied des Bergungstrupps miteiner Schaufel aus dem Schlick ausgraben. Der zweite Mann wurde geborgen, sein Anzug aufgeschnitten. Selbst als die beiden Männer auf dem Schlickschlitten in Sicherheit waren, wollte das Watt sie nicht freigeben und hielt sie an den Beinen des Schutzanzuges fest. Nachdem die beiden Männer sicher an Land gebracht waren, wurden sie vom RotenKreuz versorgt. Ein Emder Feuerwehrmann wurde zum Durchchecken ins Norder Krankenhaus gebracht.

Die Männer waren bis an ihre körperlichen Grenzen gegangen. „Wir haben diesen Wattbereich ganz bewusst ausgesucht, eben weil er so weichen Untergrund hat“, sagte Einsatzleiter Stefan Kleenzum Ende der Übung. „Dochdass es so schwierig werden würde, hätten wir nicht gedacht.“ Die Übung hat ihren Zweck erfüllt, denn sie brachte Erkenntnisse, die in der großen Nachbesprechung thematisiert werden. Deutlich wurde bei der Übung auf jeden Fall zweierlei: Zum einen erwies sich dasWatt als mindestens ebenso gefährlich wie der Inhalt der angenommenen Giftfässer. Zum zweiten zeigte sich, dass die Feuerwehrleute in ihrenEinsätzen bis an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit gehen und immer wieder in lebensgefährliche Situationen geraten können.

Bericht: Anzeiger für Harlingerland

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